Am Freitag, dem 10.Juni 2022, fand eine Pressekonferenz mit den drei Leitungsmitgliedern der Generalkonferenz statt: Ted Wilson, Präsident, Erton Köhler, Sekretär und Paul Douglas, Schatzmeister. Sie gaben dabei interessante Einblicke in die geplante Weiterarbeit der Weltkirchenleitung und beantworteten Fragen zum Umgang mit Menschen, die um ihre Identität ringen, zur Motivation von Jugendlichen, zum Thema Mission, besonders in Europa und der veränderten Form der Mittelvergabe. Und ein bisschen Humor war ebenfalls dabei. Hier ein Mitschnitt mit deutschen Untertiteln.

Acht Fahrrad-Enthusiasten haben sich auf die 2000 km lange Reise vom Hauptsitz der Generalkonferenz in Silver Spring am Rande von Washington D.C. nach St. Louis im Bundesstaat Missouri gemacht, um bei der Generalkonferenz-Vollversammlung dabei zu sein. Sie wollten damit an einen schottischen Buchverkäufer erinnern, der Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Fahrrad durch das australische Hinterland reiste, um adventistische Literatur zu vertreiben. Ein besonderes Erlebnis sticht dabei heraus. Die acht Fahrrad-Enthusiasten haben es ihm nachgemacht und auf ihrer anstrengenden Tour eine ganze Menge Literatur verteilt. Dass zwei Ur-Ur-Enkel von einem Kunden aus dem 19. Jahrhundert unter den Radlern waren, macht die Sache noch interessanter. Details gibt es in diesem Video.

Eine umfassende Bewertung der 61. Weltsynode der Siegenten-Tags-Adventisten wird sich erst im Laufe der nächsten Jahre ergeben, denn sagen und schreiben kann man viel. Die Frage ist, welche Auswirkungen auf das Leben einer Ortsgemeinde von dem Geschehen in St. Louis eintreten. Das zeigt sich erst im Laufe der Zeit. Aber Tendenzen sind schon erkennbar.

Teamarbeit bei Adventist Review

Das geschah hinter den Kulissen: Es war eine Freude, jeden Morgen das Team der rund 50 Mitarbeiter von Adventist Review zu erleben. Dazu gehörten Redakteure, Webdesigner, Fotografen, Programmierer usw. Auch wenn im Laufe der Woche bei dem einen oder der anderen die Augenringe tiefer wurden – es war motivierend, eine Gruppe von Mitarbeitern zu erleben, die mit allen Kräften daran arbeitete, jeden Tag während der Konferenz die Druckausgabe des sogenannten „bulletins“ pünktlich bis 18:00 Uhr mit Text, Design und Fotos druckfertig zu haben. Dann ging es an eine lokale Druckerei, die nächtens das 48-seitige Heft in anspruchsvoller Qualität herstellte. Jeden Morgen, wenn die Delegierten den „Dom“ betraten, erhielten sie das neue Heft mit Rückblick auf den vergangenen Tag, inklusive einer Sondernummer für den Sabbat. Der Ton lag auf der Teamarbeit und dem Zusammenhalt.

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Die sechs gedruckten Ausgaben des Tagesheftes der Generalkonferenz-Vollversammlung 2022 | Foto: Matthias Müller

Parallel dazu gingen aktuelle Beiträge in die social media Kanäle und auf die Webseite von Adventist Review. Erstmalig gehörten auch neun Auslandskorrespondenten zum Team, die für ihre jeweilige Landessprache auf der Review-Seite Kommentare und Videos veröffentlicht haben. Das war auch meine Rolle.

Folgen der Pandemie

Wegen der Corona-Pandemie musste die Vollversammlung bis ins Jahr 2022 verschoben werden. Das hat zur Folge, dass es bis zur nächsten Konferenz nur drei Jahre sind. Die soll, wenn möglich, 2025 stattfinden. Zur Entscheidung, die Messe mit den vielen Ausstellern abzusagen und die diesjährige Konferenz statt der üblichen sieben Arbeitstage in nur vier Tage zu pressen, hat neben finanziellen Fragen auch Covid-19 beigetragen. Von der Bühne wurde seitens der Gesundheitsabteilung der Generalkonferenz dringend darum gebeten, sich bei Corona-Symptomen strikt an das vorgegebene Prozedere zu halten. Wir als Mitarbeiter wurden alle mindestens einmal während der Woche getestet. Und ja, es hat vereinzelt Corona-Fälle gegeben, von einer Massenansteckung war jedoch nichts zu bemerken. Gott sei Dank!

Was auffiel: der Zeitdruck, der es Sitzungsleitern und Delegierten schwermachte, anstehende Fragen ausreichend zu diskutieren. Es gab Delegierte, die sich in ihren Rechten beschnitten fühlten. In einem Fall musste sich der Sitzungsleiter entschuldigen, weil er einen Delegierten zweimal abgebügelt hatte und erst durch Videobeweis und gründliches Nachprüfen der Mitschrift zum Schluss kam, dass seine Entscheidung nicht richtig war. Alles kein böser Wille, ich erkläre mir das einfach durch den Zeitdruck. Es war zu spüren, dass man seitens der Leitung keine großen Diskussionen aufkommen lassen wollte, sondern das Ziel hatte, eine bestimmte Agenda durchzubringen. Es wäre der Kirche zu wünschen, dass diese Verhältnisse nicht zum Dauerzustand werden.

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Farbenfrohe Kleidung von Delegierten beim Flaggenmarsch zum Abschluss der 61. Weltsynode der Siebenten-Tags-Adventisten | Foto: Adventist Review

Da selbst am Sabbat die große Halle nur mäßig besetzt war, kam bei denen, die vorherige Vollversammlungen miterlebt hatten, nicht dieses große Gefühl der Gemeinschaft früherer Jahre auf. Der oft als Höhepunkt erlebte Schlussmarsch der Fahnenträger in teils prachtvoller Kleidung verlief dieses Mal statt über die große Bühne ein wenig chaotisch durch die Gänge zwischen den Sitzblocks. Der Zug fuhr sich am Ende zwischen all den Handyfotografen fest. Die gewaltigen Chöre und großen Orchester der Vergangenheit wurden durch einen kleinen Chor an der Seite und ein ebenso kleines Orchester ersetzt. Allerdings hatte man im Vorfeld verschiedene Chöre und Ensembles auf der ganzen Welt zur selben Playbackmusik Titel einsingen lassen, die dann in Zoom-Manier mit dem Live-Vortrag kombiniert wurden. Grundsätzlich eine gute Idee bei diesen Verhältnissen und auch gut gemacht. Aber es zeigte sich hier wie auch bei den nun weithin üblichen Gemeinde-Hybrid-Veranstaltungen, dass eine Leinwand, sei sie noch so groß, eine Live-Aufführung nicht ersetzen kann. Man bleibt immer ein wenig distanziert.

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Chor und Orchester unter der Leitung von Williams Costa (Generalkonferenz) bei der 61. Weltsynode 2022 | Foto: Matthias Müller

Dauerbeschallung

Aus irgendeinem Grund hatten sich die Verantwortlichen entschieden, dass es während des ganzen Tages in der Halle keine Zeiten der Ruhe – abgesehen von echten meditativen Momenten und Gebetszeiten – geben sollte. Selbst während des Gebets wurde mitunter Orgel gespielt wie auch während der Abstimmungen, und zwar meist irgendwelche Bearbeitungen von traditionellen Kirchenliedern des 19. Jahrhunderts. Wenn eine echte Veranstaltungspause war, wie etwa zur Mittagszeit, wurden Videos abgespielt, die adventistische Chöre und Solisten aus aller Welt eingesandt hatten. Mir tat es leid, dass die viele Mühe nur zur Pausenfüllung diente. In einem Fall spielte sogar ein Live-Streichquartett auf der Bühne, als alle Delegierten für eine Pause aufgestanden waren und sich angeregt unterhielten. Die armen Musiker hatten geübt, waren angereist und das war nun ihr Auftritt! Hier gibt es dringend Verbesserungsbedarf.

Apropos Musik: Während, wie schon geschildert, die Orgel-Live-Musik dem Traditionellen verhaftet war, kamen viele Musikbeiträge über die Leinwände erstaunlich frisch und professionell daher, und das Schlagzeug war nicht zu überhören. Scheinbar darf man es nur nicht sehen.

Regionalisierung = Polarisierung?

Bei den Abstimmungen zu verschiedenen Themen war an den Reaktionen aus den verschiedenen Sitzgruppen, die nach Weltregionen angeordnet waren, zu erkennen, was jeweils gefiel. Der in manchen deutschen Gemeinden geächtete Applaus brandete immer wieder auf, sei es nach Abstimmungen oder wenn es um Personen aus den jeweiligen Regionen ging. Gerson Santos von der Generalkonferenz, der die Verabschiedung der rund 50 Geschwister moderierte, die seit der letzten Vollversammlung in Rente gegangen waren, forderte nach der kurzen Beschreibung des Werdegangs jedes Neu-Pensionärs zum Klatschen auf. Mir ging durch den Sinn, was Ted Wilson wohl gedacht haben mag, als er verdiente Mitarbeiter seines Alters mit Urkunde, Handschlag und Geschenk in den Ruhestand verabschiedete.

Die Motivation von Adventist Review, auch nicht-amerikanische Korrespondenten zur Mitarbeit einzuladen, kommt aus dem Motiv, einen internationalen Brückenschlag zu versuchen. Der Zusammenhalt der Kirche über alle Kontinente hinweg ist kein Selbstläufer. Das Beispiel des Sabbatschulheftes mag als Beleg dienen. Wir in Deutschland empfinden es als nicht günstig, zur Weihnachtszeit über die Vernichtung der Gottlosen im Endgericht zu sprechen (wie 2022 vorgesehen), zumal wenn wir über die sozialen Medien zu den Gottesdiensten öffentlich mit diesen Themen einladen. Clifford Goldstein, von mir daraufhin angesprochen, verwies auf die Afrikaner, für die Weihnachten keine solche Bedeutung hätte, dass man zu dieser Zeit im Heft darauf eingehen müsste. Da wird Internationalität zum Problem.

Auch die Sprache ist eine Herausforderung. Ich bin mit der amerikanischen christlichen Welt nicht gut genug vertraut, um einschätzen zu können, ob das ein generell christliches oder ein speziell adventistisches Phänomen ist. Hier wurde jedenfalls von Mission als „ingathering of souls“ gesprochen, also dem „Einsammeln von Seelen“. Von den „frontline workers“, also den „Arbeitern an der Front“ hat man sich auf Einspruch der Delegierten hin verbal verabschiedet, Mission ist kein Krieg. Stattdessen wurde nun eine Formulierung gewählt, die beschreibt, dass dies Menschen sind, die bei der Verkündigung des Evangeliums im direkten Kontakt mit anderen Menschen sind. Mit der Abkürzung TMI (total member involvent) hat man auch für amerikanische Verhältnisse danebengegriffen, denn ich habe selber in einer amerikanischen Sabbatschule zwei Wochenenden vor dem Beginn der Generalkonferenz erlebt, dass dieses Akronym in der Alltagssprache für „too much information“ (wörtlich: zu viel Information) im ablehnenden Sinne von „der nervt“ oder „es reicht jetzt“ verwendet wird. Im Deutschen ist das Motto schwer zu übersetzen, wenn man nicht an einen alten braunen Slogan erinnern will, wo es auch um das „Totale“ ging.

Noch immer nicht zur Ruhe gekommen?

Einen aus meiner Sicht beunruhigenden Trend möchte ich noch ansprechen. Die Pharisäer meinten es gut, als sie das Gesetz mit noch weiteren Gesetzen schützen wollten. Es führte aber im Laufe der Zeit zu Verrenkungen und Doppelbödigkeit. Jesus bedachte sie mit scharfer Kritik.

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Titelseite des Buches "Was Adventisten glauben" | Foto: Advent-Verlag Lüneburg

Unsere Grundlehren des Glaubens stellen eine gute Übersicht dar, aber mir scheint ihre Rolle überbetont. Wir bauen zu sehr auf solche Listen. Dabei haben wir doch schon vor der Existenz der 27 bzw. später 28 Glaubensgrundsätze mit teils großen persönlichen Opfern den Sabbat gehalten. Die Bibel hat damals als Grundlage für solche manchmal schweren Entscheidungen gereicht. Jetzt wartete der Generalkonferenzpräsident in seiner 75 Minuten langen Abschlusspredigt mit tatsächlich 25 eigenen Glaubensgrundsätzen auf, die sich teils mit den 28 überlappen. In den 28 Grundsätzen sind bereits ein Artikel über die Bibel als unfehlbares Gottes Wort (Nr. 1) und einer über die Gabe der Weissagung, sogar mit Nennung des Namens von Ellen White (Nr. 18), enthalten. Warum muss dann bei jeder Generalkonferenz per Beschluss immer wieder neu bekräftigt werden, dass wir das noch glauben? Sind wir dabei, einen zusätzlichen Schutzzaun für unsere eigenen Regeln zu errichten? Ted Wilson fühlte während seiner Predigt wohl eine Art Paulus-Moment (siehe Gal. 1,8), als er forderte, dass die Delegierten unbedingt darauf achten sollten, dass auch ein künftiger Generalkonferenzpräsident niemals verlangen dürfe, dass diese zusätzlichen Bekräftigungen nicht mehr erfolgen. Wer immer wieder Selbstvergewisserung braucht, zeigt, dass ihn Unsicherheit treibt. Dazu gibt es doch keinen Grund! Auch die wiederholten Warnungen vor der Ökumene sind in meinen Augen Ausdruck unnötiger Befürchtungen. Denn wenn ich weiß, an wen und was ich glaube, habe ich keine Scheu vor der Begegnung mit Andersgläubigen. Im Gegenteil, ich bin bei solchen Begegnungen immer wieder ausdrücklich eingeladen worden, die adventistische Sicht darzulegen. Warum also die Sorge? Könnten wir nach 159 Jahren nicht einfach mal sagen: „Das sind wir“ – und gut?

Matthias Müller

Werner Dullinger und Johannes Naether mit Gedanken über die 61. Weltsynode

Werner Dullinger und Johannes Naether erzählen von ihren Erlebnissen im Ernennungsausschuss der 61. Weltsynode.

Ich beobachte bei dieser Generalkonferenz-Vollversammlung, wie auch bei den anderen zuvor, dass viel Zeit der Delegierten in die Bearbeitung von Dokumenten fließt, entweder den „Constitutions and Bylaws/Working Policy“ (Verfassung und Kirchenregularien) oder dem „Church Manual“ (Gemeindehandbuch). Das ist eine sehr wichtige Arbeit, denn Zeiten und Begrifflichkeiten ändern sich. Manche Formulierungen sind einfach veraltet oder wir haben uns in der Gemeindepraxis von der Verwendung bestimmter Begriffe entfernt. Ein älteres Beispiel dafür ist die Ersetzung von „Gemeindezucht“ durch „Korrigierende Seelsorge“. Solche Begriffsanpassungen werden immer wieder vorkommen und werden gebraucht. Es ändern sich auch rechtliche Rahmenbedingungen, denen Rechnung getragen werden muss.

Regeln geben Sicherheit und man muss dadurch das Rad nicht immer wieder neu erfinden, wenn man vor schwierigen Entscheidungen steht. Es entlastet die Leitung auf allen Ebenen. Man kann bei Bedarf auf ein Referenzwerk zurückgreifen, wo Vorgehensweisen beschrieben werden, die für jeden gleich gelten. Gerade darum ist es wichtig, dass solche Regeln mit einem breiten Konsens geschaffen und gestaltet werden. Das Regelwerk dient auch zum Schutz vor Übergriffen durch die Leitung und kann sogar rechtliche Bedeutung staatlichen Stellen gegenüber haben.

Hier taucht jedoch eine erste Herausforderung auf, denn es ist nicht einfach, Regeln aufzustellen, die weltweit für alle Kulturen gleichermaßen gelten. Das zeigt auch die Diskussion während dieser Generalkonferenz. Selbst in sprachlicher Hinsicht tritt das zutage, weil es in manchen Sprachen gar kein echtes Gegenüber für einen englischen Begriff gibt (englisch ist die Hauptsprache der Kirche, auch diese Generalkonferenz läuft auf Englisch). Manchmal benutzen wir Begriffe, mit denen Nichtchristen nur wenig anfangen können. Ein Beispiel, das ein Delegierter aus Island in der Diskussion nannte, ist der Begriff „discipleship“, für den es in Island keine Entsprechung gibt. In der deutschen christlichen Szene hat sich dafür die Übersetzung „Jüngerschaft“ entwickelt. Der Duden gibt das Wort als „selten vorkommend“ an und schreibt, dass der Begriff oft spöttisch verwendet wird. Für uns Christen ist der Begriff aber inzwischen fast eine Selbstverständlichkeit, besonders in der Gemeindewachstumsliteratur. Für Außenstehende ist er fremd. Es ist kein gutes Zeichen, wenn Menschen, von denen wir hoffen, dass sie zum Glauben finden, erst einmal unsere Sprache erlernen müssen. Das gilt – abweichend von meinem eigentlichen Thema – auch für solche Sätze wie: „Der Geist der Weissagung schreibt …“ Was stellt sich ein Außenstehender wohl darunter vor?

So bin ich einerseits zufrieden, auf ein vorhandenes Regelwerk zugreifen zu können, das mir bei Entscheidungen eine mögliche Antwort zeigt. Das habe ich in meiner Pastorentätigkeit ab und zu gebraucht. Andererseits, je detaillierter und je zahlreicher die Regeln werden, umso komplexer kann Gemeindeleben werden und umso weniger Gestaltungsfreiheit bleibt. Wir schauen leicht abschätzig auf die Juden zur Zeit von Jesus, die sich in einem selbstgemachten Regelwerk „regelrecht“ verfangen haben. Ehrlicherweise muss man einräumen, dass auch wir nicht davor gefeit sind. Je mehr Regeln es gibt, umso schwerer werden Reformen. Umso geringer wird der Spielraum zum kreativen Handeln. Junge Menschen sind nicht daran interessiert, nur den Staub von den Büsten der Vergangenheit zu wischen. Gibt es keinen Freiraum zur Entfaltung, wenden sie sich ab.

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Die Working Policy von 1926 und die von 2017 | Foto: Myron Iseminger

Wir bekennen uns bewusst zum Halten der 10 Gebote und bewundern Gott für seine Weisheit, so viele und wichtige Dinge in so wenigen Sätzen zusammengefasst zu haben, dass sie heute noch als Grundlage für gedeihliches Zusammenleben der Menschen dienen. Aber wir haben nicht nur ein umfangreiches Gemeindehandbuch zusammengestellt, an dem wir bei jeder Generalkonferenz ausgiebig arbeiten, sondern auch eine „Working Policy“, eine Art Arbeitshandbuch, das mit einer Fülle von Regeln aufwartet. Viele Gemeindeglieder haben das dicke Buch noch nie gesehen, es kann auch nicht im Buchhandel erworben werden. Aber es steht in den Regalen der Dienststellen und wird bei den Generalkonferenzen immer weiter bearbeitet. Die erste Ausgabe erschien 1926, 11 Jahre nach dem Tod von Ellen White, und hatte 26 Seiten. Im Verlauf der letzte 100 Jahre ist das gute Stück auf rund 800 (!) Seiten angewachsen.

Wie steht es mit den Glaubensgrundsätzen? Als der heimreisende äthiopische Finanzminister einen Anhalter mitnahm, dürfte er nicht schlecht gestaunt haben, als dieser ihm 28 Glaubensgrundsätze detailliert auseinandersetzen wollte, denn die wären vor einer Taufe unbedingt zu akzeptieren. Oder lief die Erläuterung von Philippus über das Kapitel 53 aus dem Jesajabuch, mit dem sich der Reisende gerade beschäftigte, doch anders ab?

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John N. Loughborough | Foto: Courtesy of the Ellen G. White Estate, Inc.

Der von Ellen White 1852 in den Predigtdienst gerufene John N. Loughborough zählt mit zu den Gründervätern der Siebenten-Tags-Adventisten. Er fasste die Grundhaltung der „Pioniere“ im 19. Jahrhundert in einem am 8. Oktober 1861 erschienenen Artikel für „Review und Herald” (heute Adventist Review)  so zusammen: „Der erste Schritt des Glaubensabfalls besteht darin, ein Glaubensbekenntnis aufzustellen, das uns sagt, was wir glauben sollen. Der zweite ist, dieses Glaubensbekenntnis zu einer Prüfung der Gemeinschaft zu machen. Der dritte Schritt ist, die Mitglieder anhand dieses Glaubensbekenntnisses zu prüfen. Viertens werden diejenigen, die nicht an dieses Glaubensbekenntnis glauben, als Ketzer verurteilt. Und fünftens, die Verfolgung gegen solche zu beginnen.“

Unser Glaubensbekenntnis ist schrittweise entstanden und der Hauptgrund, überhaupt eins aufzustellen, war, dass andere Kirchen verstehen können, was wir glauben. Dieser Zweck wird heutzutage definitiv erfüllt. Aber hatte der gute alte Loughborough wirklich ganz Unrecht? Je detaillierter und ausgefeilter die Regeln werden, um ausschließender können sie sein, umso weniger Menschen passen in den immer genauer definierten Rahmen. Je penibler wir alles beschreiben wollen, umso kleiner werden die Karos, umso weniger Menschen werden sich damit identifizieren. Ich halte diese Vorgehensweise nicht nur für unnötig, sondern auch für nicht hilfreich. Es soll Sicherheit schaffen, aber bei Jesus sehe ich etwas anderes. Würde Judas bei uns tatsächlich noch die Füße gewaschen und das Brot gereicht bekommen, oder hätte wir hin schon hinausdefiniert? Die Ergebnisse des Apostelkonzils wären mit einem ausreichend dicken Handbuch kaum denkbar gewesen.

Man kann auch in Sachen Glauben nicht alle fünfe grade sein lassen. Es muss Regeln geben, das steht fest. Ich wünsche mir jedoch etwas von der Haltung von John Loughborough zurück, der die Gefahr erkannt hatte, wenn man alles zu genau festlegen will. Hatte nicht der alte Prediger Salomo gesagt: „Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest?“ Ein weiser Mann war das.

Matthias Müller

Auf dem Weg zu den Übersetzern | Foto: Matthias Müller

Es ist sicher für viele interessant, unter welchen Bedingungen und wie die Übersetzer arbeiten, die hinter den Kulissen dafür sorgen, dass die Delgierten die Versammlung in ihrer Muttersprache verfolgen können.

Kurzer Einblick, wie eine Geschäftssitzung abläuft, wenn es um Formulierungen im Gemeindehandbuch geht.

Nach Utrecht, Toronto, Sankt Louis, Atlanta, San Antonio und nun wieder in Sankt Louis ist dies die sechste Generalkonferenz, an der ich in teils unterschiedlichen Funktionen teilnehme. Jede der vergangenen Weltsynoden hatte ihr eigenes Gesicht.

Diese Generalkonferenz in St Louis ist in mehrfacher Hinsicht anders. Es gibt keine Ausstellung (Messe), die viele Aktive und Besucher anzog. Wir sind immer noch nicht aus der Pandemie heraus. Morgen steht für uns, die wir „hinter den Kulissen“ arbeiten, wieder ein Covid-19-Test an, was in der gegenwärtigen Lage natürlich zu begrüßen ist. Einer meiner hier mitarbeitenden Kollegen hat Corona in der ersten Welle nur knapp überlebt, aber Familienangehörige verloren. Bedingt durch Coronaerkrankungen konnten eine ganze Anzahl Delegierter nicht anreisen, auch deutsche waren betroffen. Es ist eine sogenannte Hybridveranstaltung, d.h. Delegierte sind per Zoom zugeschaltet. Das verändert die Dynamik ebenso wie der Umstand, dass diese Konferenz kürzer als die anderen ist. Man merkt es an den wiederholten Hinweisen seitens der Tagungsleitung, dass man aus Zeitgründen doch bitte …

Warum ist die Halle so leer?

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Jemand hat mich aufgrund meiner Berichte gefragt, wieso so viele leere Plätze zu sehen sind. Auf den Fotos sieht man, dass die zentrale Fläche in Sitzblocks aufgeteilt ist. Jeder dieser Blocks hat 420 Plätze. Wenn man Raum für die Übertragungstechnik und die Gehörlosenübersetzung mit einbezieht, ist klar, dass von den 20 Blocks durch die anwesenden rund 2.000 Delegierten nur ein Viertel die Hälfte besetzt sein können.

Im Unterschied zu anderen Konferenzen, wo morgens schon die Massen in die Halle strömten, bleiben jetzt die weitläufigen Gänge leer, die Ränge sind unbesetzt. Wer nicht anreisen konnte, hat logischerweise auch seine Familie nicht mitgebracht. Während der morgendlichen Testabstimmungen mit allgemeinen Fragen kam heute heraus, dass rund die Hälfte der Delegierten mit Familie angereist ist. Sheri Clemmer, die Hauptorganisatorin der vergangenen und dieser Konferenz(en) sagte mir im Gespräch, dass die geringe Teilnehmerzahl sehr stark mit Covid-19 zusammenhängt, denn zunächst hieß es, dass niemand in die USA einreisen dürfte. Dann wurde es „auf eigenes Risiko“ geändert, bis die völlige Öffnung relativ spät für den Planungsprozess kam. Außerdem hob sie hervor, dass die Ausstellung zu einem erheblichen Teil Standbetreuer, deren Familien und Konferenzbesucher gebracht hätte. Zurzeit sind wir hier ungefähr 3.000 Leute. Vor sieben Jahren in San Antonio waren es laut Clemmer zur selben Zeit ungefähr 60.000.

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Kaum noch freie Plätze im Alamodome am abschließenden Sabbat der 60. Weltsynode der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten, San Antonio, Texas, USA, 11. July 2015 | Foto: Pieter Damsteegt, Adventist Media Exchange (CC BY 4.0)

Wir sind eben – wie auch in vielen Gemeinden – in einer anderen Welt aufgewacht. Ich musste unwillkürlich an die Israeliten denken, die der Prophet Haggai nach dem Exil so ansprach: „Wer ist unter euch noch übrig, der dies Haus in seiner früheren Herrlichkeit gesehen hat? Und wie seht ihr’s nun? Sieht es nicht wie nichts aus? (Hag 2,1-4). Esra berichtet in Kapitel 3,12 sogar davon, dass viele  Leute bei der Grundsteinlegung für den neuen Tempel jubelten, aber die Älteren weinten. Dafür gab es Gründe.

Das „America’s Center“ ist eine gut ausgestatte Sporthalle, die mit Hilfe ausgeklügelter Technik auch in eine Konferenzhalle umgewandelt werden kann. Sie besteht aus 6 Etagen, die bei entsprechenden Sportereignissen vor Zuschauern brummen. Ungefähr 70.000 Menschen können sich hier versammeln. Ich vermute, dass wir auch am abschließenden Sabbat die Halle nicht füllen werden. Bei vorherigen Generalkonferenzen wurde die Stimmung abends, wenn sich die verschiedenen Delegationen mit Berichten und Nationaltrachten vorstellten, oft volksfestartig stimmungsfroh und manchmal geradezu ausgelassen. Bedingt dadurch, dass es eine Hybridveranstaltung ist (gab es dieses Wort vor 2020 schon?) und man auf diverse Zeitzonen Rücksicht nehmen muss, sind die Berichte der verschiedenen Weltregionen auf den Freitag konzentriert. Statt festlicher Abende wird jetzt bis in den Abend hinein gearbeitet und abgestimmt, und die farbenfrohe Seite ist auf den Freitag verlegt, der sich in adventistischer DNA eher nach Stress anfühlt.

Das Motto

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Dwight Nelson während seiner Andacht bei der 61. Weltsynode in St. Louis vor dem Konferenzmotto, Jerry Page und Mark Finley im Hintergrund | Foto: Matthias Müller

Die Gesamtthematik dieser Weltsynode bleibt wieder zukunftsorientiert, wie es in der Vergangenheit auch der Fall war. Aber der Schwerpunkt sitzt anders. Letztes Mal hatte die Leitung um Ted Wilson bewusst einen Ton des Bedauerns und der Reue über die Veranstaltung gesetzt. Man bezog sich dabei auf eine Formulierung von Ellen White, nach der, wenn die Adventisten in ihrer Glaubensentwicklung weiter gewesen wären, Jesus schon längst wieder gekommen wäre. Diesen Gedanken habe ich bei dieser Konferenz noch nicht gehört. Bei der Konferenz in San Antonio saß ich beim Mittagessen einer amerikanischen Glaubensschwester gegenüber, die in ihren Neunzigern war. Sie erzählte mir, dass sie eigentlich nicht noch einmal zu einer Generalkonferenz fahren wollte. Aber man hatte ihr versichert, dass dies die letzte sei. Und so hatte sie sich dann doch noch einmal auf den Weg gemacht. Jetzt sind wir sieben Jahre weiter und ich vermute, das die liebenswürdige Glaubensschwester inzwischen zur Ruhe gelegt ist. Das nächste, was sie erlebt, ist der wiederkommende Herr. Darauf zielt auf dieser Veranstaltung das Motto. Es lautet nicht von ungefähr „Jesus is coming“ - „Jesus kommt“, wird aber durch den Aufruf „Get involved“ ergänzt. Dieses „Get involved“ kann man verschieden übersetzen, z.B. mit „Sei dabei“ oder „Bring dich ein“, „Mach mit“. Zumindest im Deutschen ist diese Kombination potenziell missverständlich, denn die Wiederkunft Jesu liegt in seiner Hand und ist nichts, wo wir uns einzubringen hätten. Auch wenn Petrus nach der alten Luther-Übersetzung schreibt, dass wir „warten und eilen“ sollen auf die Wiederkunft, teile ich nicht die Überzeugung, dass wir mit unserem Verhalten die Wiederkunft beschleunigen. Es sind andere Faktoren als unser Tun, nach denen Gott entscheidet, wann der Zeitpunkt gekommen ist. Bei keinem seiner Endzeit-Gleichnisse regt Jesus zu mehr Eifer an, damit etwa der Hausherr schneller wiederkommt, wohl aber ruft er zur Wachsamkeit und dem Einsatz für andere auf. Zudem gibt es nicht nur in unserer, sondern auch in anderen Kirchen einschlägige Erfahrungen mit Zeitfestsetzungen.

Die Zukunft im Blick

Dieses Mal habe ich das Empfinden, dass der Grundton ein wenig mehr auf dem Gestalten der Zukunft liegt. Man ist sich bewusst, dass es viel zu tun gibt (auch wenn z.B. die Frage nach der Verantwortung für die Umwelt vorerst kein Gehör fand. Dabei ruft die so oft zitierte dreifache Engelsbotschaft geradezu danach und es tut der Kirche gut, wenn sie den Kontakt zu den Realitäten in dieser Welt nicht verliert). Die offenkundigen Krisen verstärken das Empfinden der Naherwartung. Aber da seit dem schicksalsträchtigen Jahr 1844 nun schon 178 Jahre in der Naherwartung inklusive vielen Krisen vergangen sind, schwingt auch das Bewusstsein mit, dass sich die Dinge noch hinziehen können.

Bei aller sogenannten „Stetsbereitschaft“ haben Ältere, die so wie ich auf eine lange Gemeindemitgliedschaft zurückschauen, das Empfinden: Es ist richtig, Pläne für die Zukunft zu legen. Ich erinnere mich, wie ich Anfang der 1970er Jahre während meines Theologiestudiums im Gespräch mit meinen Kommilitonen die Frage aufwarf, ob es überhaupt sinnvoll sei zu heiraten, wo doch der Herr bald kommt. Inzwischen sind ein paar Jahre ins Land gegangen und kürzlich hat mich mein Enkel (!) im Auto chauffiert. Wir wissen nicht, wann und wie genau sich unsere Hoffnung auf die Wiederkunft erfüllen wird. Nicht umsonst verwendet Jesus das Bild von einem Blitz. Gerade in der deutschen Geschichte haben wir erlebt, wie rasant sich Dinge verändern können. Dennoch ist es ratsam für Leute in Leitungsverantwortung, den langen Blick in die Zukunft zu werfen und auf beides eingestellt zu sein: der Herr kann morgen kommen und es kann noch Jahre dauern. Insofern hatte Erton Köhler recht, als er während seines Berichtes darauf verwies, dass die Struktur der Kirche flexibel bleiben müsse, um sich verändernden Bedürfnissen anzupassen. Ob sein Zugeständnis der Langsamkeit in einer schnelllebigen Zeit standhalten kann, wird sich zeigen. Wenn ich mich hier umhöre, stelle ich fest, dass die jüngere Generation mit den Hufen scharrt. Es wird Zeit, dass sie loslegen dürfen. Immerhin hatte Haggai ja auch gesagt: „Aber nun, Serubbabel, sei getrost, spricht der Herr.“

Matthias Müller

Kurzes Video darüber, wie es bei der Weltsynode (Generalkonferenz 2022 in St. Louis zugeht. Guten Appetit!

„Unverhofft kommt oft.“ So war das gestern Abend. Kaum jemand hatte damit gerechnet, und doch kam kurz vor Ende der Abendsitzung noch der „Bericht“ aus dem Ernennungsausschuss, der Ted N. C. Wilson als neuen Generalkonferenzpräsidenten vorschlug. Üblicherweise werden in unserer Kirche Personalvorschläge nicht in der Öffentlichkeit diskutiert. Man vertraut darauf, dass im Ernennungsausschuss offen geredet wurde und alle Aspekte zu einer Person auf dem Tisch waren. Wie im Artikel über den Ernennungsausschuss geschrieben, haben Delegierte jedoch grundsätzlich die Möglichkeit, ihre eventuellen Bedenken dem Ernennungsausschuss vorzutragen. Dafür gab es offenbar keinen Bedarf und nach kurzer Zeit war Ted Wilson von 74,9% der abgegebenen Stimmen gewählt. Das Votum ist klar und unter demokratischen Gesichtspunkten zu respektieren. Wilson ist seit 2010 im Amt und war schon vorher in Deutschland kein Unbekannter. 2017 hat er mit einer internationalen Reisegruppe und deutscher Beteiligung Deutschland im Lutherjahr besucht. Neben solchen freundlich-entspannten Begegnungen gab es in der Vergangenheit auch herausfordernde Momente, als es zum Beispiel um die Bibelschulbetrachtung oder die Ordination der Pastoren und Pastorinnen ging. Jetzt schauen wir auf einen neuen Abschnitt mit dem neugewählten Präsidenten.

Erton Köhler mit Frau
Erton Köhler und Frau | Foto: Matthias Müller

Kontinuität als Programm

Am Dienstagvormittag, dem 7. Juni, wurden zudem der Sekretär (Erton Köhler) und auch der Schatzmeister (Paul Douglas) mit jeweils über 90% der abgegebenen Stimmen wiedergewählt, so dass man grundsätzlich davon ausgehen kann, dass es seitens der Weltkirchenleitung Kontinuität beim bisherigen Kurs geben wird. Manche werden das begrüßen, andere befürchten.

Schatzmeister Paul Dougls und Frau
Schatzmeister Paul Douglas mit seiner Frau | Foto: Matthias Müller

Entgegen allen Vorwürfen ist Deutschland nach meinen Beobachtungen ein Land, das der Generalkonferenz eher strenger folgt als andere. In den US-amerikanischen Gemeinden ist zum Beispiel die herbstliche Gebetswoche mit der gedruckten Lesung nahezu unbekannt. Universitätsgemeinden halten in den USA zwar Gebetswochen mit eigenen Sprechern ab, aber jenseits dessen wird die Gebetswoche allenfalls als Empfehlung gesehen, während es in deutschen Gemeinden durchaus Diskussionen geben kann, ob es erlaubt ist, von der Lesung der Generalkonferenz abzuweichen.

Schnell, schneller, am schnellsten

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Dwaine Esmond während seiner Verkündigung | Foto: Matthias Müller

Die Morgenandacht kam von Dwaine Esmond, einem der stellvertretenden Leiter des Ellen White Estates. Immerhin ein jüngerer Mann, der mit farbigem Temperament zu Werke ging. Ich hatte Mitleid mit allen, für die Englisch eine Fremdsprache ist. Klaus Schmitz, einer der deutschen Übersetzer, hatte zum Glück ein Redemanuskript und war dennoch sehr gefordert, denn Deutsch ist ungefähr 20% länger als Englisch. Wie soll man all die deutschen Wörter unterbringen, wenn der Sprecher pausenlos ein derartiges Tempo vorlegt und das noch in so kompakter Sprache? Sein Hauptanliegen war die Verkündigung der dreifachen Engelsbotschaft aus Offenbarung 14. Das rief er mit enormen Enthusiasmus und einem Feuerwerk an vorformulierten Sätzen ins Publikum, dass ich fast Lust bekam, ihn herauszufordern, sich einfach einmal selbst in seinem Sprechtempo nachzusprechen.

Alles ist Mission

Auf die Andacht folgte ein Bericht des Sekretärs Erton Köhler und der verschiedenen Abteilungen, die zu seinem Bereich gehören. Das ist anders angelegt als in Deutschland traditionell üblich. In den deutschen  adventistischen Strukturen sind Vorsteher (Präsident), Sekretär (ggf. Vizepräsident) und Schatzmeister (Finanzvorstand) die traditionelle Konstruktion. Je nach Vereinigung oder Verband können den Verantwortungsträgern noch zusätzliche Bereiche (Abteilungen) zugeordnet sein. Weiter gibt es die Abteilungen wie Gemeindeaufbau (Heimatmission), Jugend und Kinder usw. Bei der Generalkonferenz kümmert sich das Sekretariat nicht nur um administrative Belange, sondern Weltmission mit allen Facetten gehört dazu, was Erton Köhler auch besonders wichtig war. So traten im Rahmen des Sekretariats u.a. Gary Krause (Global Mission) ans Mikrofon oder Oscar Osindo, Direktor des Instituts für Weltmission, das dafür sorgt, dass potenzielle Missionare ausgebildet werden. Alle Beteiligten gestalteten ihren Bericht in einer Mischung aus Vortrag und Videos.

Nicht im Blindflug

Durch die erhobenen Daten könne man Trends und Bedürfnisse recht gut erkennen, hießt es. David Trim, bekannt für seine gründlichen Statistiken, musste sich dieses Mal aus Zeitgründen nur auf das Nötigste beschränken und konnte deshalb auch Nachfragen nur äußerst begrenzt beantworten. Der Grundtenor war: Die Kirche wächst in allen Bereichen weiter. Die Gliederzahl liegt bei rund 22 Millionen. „Es gibt Trends, die gesehen werden und es gibt Bereiche, wo wir besser werden können und müssen,“ so  Trim. Claude Richli, eine „Leihgabe“ aus unserer Division an die Generalkonferenz, versicherte der Versammlung, dass die Sekretariate überall auf der Welt auf höchstem Niveau arbeiten. Dieser Hinweis hat damit zu tun, dass die Mitgliederzahlen weltweit zuverlässiger in dem Sinne werden, als es auf Betreiben der Generalkonferenz in den verschiedenen Teilen der Welt Überprüfungen gibt, inwieweit die gemeldeten Mitgliederzahlen realistisch sind.

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Karen Porter, Vizepräsidentin der Generalkonferenz | Foto: Matthias Müller

Karen Porter, beigeeordnete Sekretärin bei der Generalkonferenz und eine der wenigen Frauen, die bislang die Bühne betreten haben, berichtete von den Missionarsfamilien in verschiedenen Ländern und deren hohem Einsatz. Es trat dabei auch zutage, dass der prozentuale Anteil von Missionaren pro Gemeindeglied heute weit geringer als in früheren Jahren ist. Um dem etwas Abhilfe zu schaffen, gibt es VividFaith, eine digitale Plattform, wo man missionarisch Interessierte mit offenen Stellen zusammenbringen möchte. Wie es scheint, gibt es zurzeit jedoch mehr Interessierte als offene Stellen.

Auf Nachfrage, wie es mit der Struktur weitergehen und ob es auch in unserer Kirche so etwas wie Glasnost und Perestroika geben wird, erwiderte Erton Köhler, dass wir lieber mit biblischen Begriffen und welchen aus dem „Geist der Weissagung“ (gemeint sind Publikationen von Ellen White) umgehen würden und es keine Revolutionen geben werde, sondern die Kirche wie ein Riese sei, der sich eben langsam bewegt.

Schließlich wandte einer der Delegierten aus einem der südlichen Länder ein, dass man bei all den schönen Dingen am Vormittag kein Wort über „Umwelt“ gehört habe. Das räumte Erton Köhler ein, wirkte dabei ein wenig verloren und schließlich hatte die ganze Diskussion eh schon viel zu lange gedauert. Der Sitzungsleiter drängte darauf, den Zeitplan nicht völlig durcheinander zu bringen. So blieb der Gedanke der Verantwortung für die Umwelt im Raum hängen.

Spontane Wertschätzung

Ella Simmons während der Sitzungsleitung
Ella Simmons, Vizepräsidentin der Generalkonferenz (r.) neben Todd McFarland | Foto: Matthias Müller

Weil er selber zur Wahl stand, räumte Vizepräsident Thomas Lemon den Stuhl des Sitzungsleiters und rief ad hoc Ella Simmons auf die Bühne. Die übernahm souverän und leitete die restlichen Abstimmungen, z.B. wurden die Vizepräsidenten gewählt, unter ihnen Artur Stele, Absolvent von Friedensau und Audrey Andersson, die einzige Frau in der Runde. Spontan schritt eine Delegierte zum Mikrofon, um Ella Simmons als erster Vizepräsidentin unserer Kirche für ihre Leistung zu danken. Dem stimmten die Delegierten mit „standing ovations“ für 17 Jahre treuen Dienst zu. Ella Simmons war von der Wertschätzung gerührt und bedankte sich artig.

Im weiteren Verlauf des Tages geht es um trockene, aber manchmal enorm wichtige Formulierungen in den „bylaws“, also dem kircheninternen Regelwerk, denn für manche Gebiete ist scheinbar selbst die Ordination von weiblichen Diakonen oder Ältesten noch immer problematisch und ist doch schon seit fast 50 Jahren Beschlusslage. Insofern ist solch eine Weltsynode immer auch ein wenig Bildungsstätte.

Matthias Müller